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Orgelbauer Dirk Eule: Als ob ein Kind das Haus verlässt

Dirk Eule ist verliebt in kiloweise Metall und Holz, in Pfeifen und Schwellwerke. Der Orgelbaumeister teilt diese Leidenschaft mit seiner Frau. Und die wiederum hat sie von ihrer Großmutter übernommen. „Klug, vorausschauend und sehr resolut.“ So beschreibt Anne-Christin Eule die mittlerweile 90-jährige Frau. Ohne Ingeborg Eule gäbe es die Firma vermutlich nicht mehr. Denn sie hat es geschafft, das Orgelbauunternehmen trotz VEB-Plakette wie eine private Liebhaberfirma durch die DDR-Mangelwirtschaft zu jonglieren. Dabei holte sie nicht nur das Beste für den Betrieb heraus, sondern genoss selbst einige Vorzüge.

Weil die Orgelbauer dem Staat Devisen brachten, hatte Ingeborg Eule gute Karten für Verhandlungen. „Sie reiste gern“, sagt Anne-Christin, und so sei sie auch in Länder gekommen, die für DDR-Bürger eigentlich tabu waren. Die Enkelin ist zusammen mit ihrem Mann Dirk Geschäftsführer von „Hermann Eule Orgelbau“, wie in Sütterlin-Initialen an der Fassade steht. Jener Hermann hatte im Januar 1872 sein Gewerbe als Orgelbauer in Bautzen angemeldet. Als er starb, übernahm Tochter Johanna das Geschäft, 1957 kam Hans Eule an die Reihe, Großvater von Anne-Christin und Mann von Ingeborg. Nach dem frühen Tod ihres Mannes hielt sie den Betrieb nicht nur am Laufen, sondern schaffte auch die Neuausrichtung von der Mangel- in die Marktwirtschaft.

„1989 hatten wir eigentlich Aufträge für weitere 13 Jahre“, erinnert sich Anne-Christin Eule. „Ein Jahr später standen wir plötzlich bei Null.“ Weil die Orgeln nun marktwirtschaftliche Preise hatten, ist nur einer der Gründe. Doch die damalige Chefin hielt an dem Unternehmen fest. „In den ersten beiden, wirklich schweren, Jahren wurden vor allem Hausorgeln gebaut.“ Nach und nach habe sich die Auftragslage verbessert – ein glücklicher Umstand, auch für die 43 Mitarbeiter.

Orgeln in Baku und Tel Aviv

Mittlerweile findet man Instrumente in Baku oder Tscheljabinsk, in Tel Aviv und in einem Ort nahe des Polarkreises. Gerade werden zwei Orgeln für eine Kirche im dänischen Naestved gefertigt, darunter eine, welche im Gehäuse der einzig erhaltenen Schwalbennest-Orgel aus dem 16. Jahrhundert unterkommt.

Das bisher größte restaurierte Stück steht in der Leipziger Nikolaikirche – mit 103 Registern und 6.848 Pfeifen. Zum Vergleich: Bei der, auch nicht allzu kleinen, Kulturpalast-Orgel tönen etwa 4.000 Pfeifen. Das Meisterstück von Dirk Eule klingt übrigens in einer Kirche in Asperg bei Ludwigshafen. Er habe lange überlegt, ob er sich überhaupt von ihm trennen wolle, räumt der Geschäftsführer ein. Schließlich wachse solch ein Instrument einem während des Bauens ans Herz. „Es ist immer ein wenig so, als ob ein Kind das Haus verlässt.“

Bei seinem eigenen Nachwuchs wird das wohl noch eine Weile dauern – die Kinder von Dirk und Anne-Christin Eule sind neun Jahre und ein Jahr alt. Obwohl die Eltern zusammen Orgelbau gelernt haben, dauerte es eine Weile, bis sie ein Paar wurden. Anne-Christin zog zunächst nach Leipzig, studierte dort Betriebswirtschaft. Sie kam wieder – und übernahm die Firma. Dass sie den Namen „Eule“ trägt, ist irgendwie ein Kuriosum. Denn Hans und Ingeborg Eule hatten zwei Töchter, beide wechselten mit der Heirat ihren Geburtsnamen. Der Tradition zuliebe adoptierte die Großmutter ihre Enkelin. „Ein rein juristischer Akt. Denn meine Mutter ist nach wie vor meine Mutter“, betont Anne-Christin. Davon abgesehen habe sie zu ihrer Großmutter immer ein enges Verhältnis gehabt, seit ihrer Kindheit schon. „Vielleicht liegt es daran, dass ich kurze Zeit nach dem Tod ihres Mannes geboren wurde.“

Ingeborg Eule, die im Januar ihren 90. Geburtstag feierte, erhielt 2006 den Sächsischen Verdienstorden. Nicht nur für die mehr als 230 Orgeln, die unter ihrer Leitung gebaut wurden, sondern auch dafür, dass es ihr gelungen war, Teile der Orgel aus der Leipziger Universitätskirche St. Pauli zu retten. Die Kirche wurde 1968 gesprengt, weil sie dem Neubau des Universitätscampus im Wege stand.

Das nächste gr0ße Firmenjubiläum steht 2022 an: 150 Jahre Hermann Eule Orgelbau.

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