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„Zur schönen Aussicht“ im Palais im Großen Garten – müssen die Hosen fallen?

 

Der Titel täuscht. Die „schöne Aussicht“ ist verloren an die Vergangenheit, das Hotel „Zur schönen Aussicht“ sein eigenes Antonym. Viele haben sich bereits an Ödön von Horváths Vorlage für gleichnamiges Theaterstück versucht, wenigen ist es gelungen. Eigentlich hatte der Dramatiker im Sommer 1926 in seiner Wahlheimat Murnau am Staffelsee eine Komödie geschrieben. Doch wenn überhaupt gelacht werden kann, dann nur bis kurz vor jene Stelle im Hals, wo es gewöhnlich steckenbleibt.

Vielleicht bleibt beherzten Theaterbesuchern ja am Ende ein Lächeln, möglicherweise auch mehrere. Eins für die großartige Spielstätte, die das Zuschauen um etliche Qualitäten höherschraubt. Eins für das herrliche Spiel von Antje Trautmann und eins für den sehenswert-soliden Auftritt von Thomas Eisen. Ja und dann noch ein ganz sattes Lächeln für das einzig symbolische Licht in diesem düsteren Gemenge – die Aussicht, dass die Liebe einer Frau zwar keinen Mann zu einem besseren Menschen machen kann, aber ganz bestimmt sie selbst. Eine wirklich schöne Aussicht.

Dem Komplott ausgesetzt

Weil noch am Schauspielhaus gebaut wird, läuft die Saison in diesem Jahr in anderen Spielstätten an. Neben Schlosskapelle und Gemäldegalerie gehört auch das Palais im Großen Garten zu den Auserwählten und das passt dann auch, als hätte es Ödön von Horváth selbst ausgesucht. Ursprünglich sollte seine Karikatur einer morbiden und von Gier zerfressenen Gesellschaft Ende der 1920er Jahre sogar in Dresden gezeigt werden. Die Uraufführung war dann aber erst Ende der 1960er Jahre im österreichischen Graz.

Worum geht es? Besagtes Hotel ist der Aufenthaltsort einiger verkrachter Existenzen – vom mit sich selbst überforderten Hoteldirektor über den traurig-schluffigen Kellner und ständig betrunkenen Chauffeur bis hin zur exzentrischen Ada, dem ursprünglich einzigen Gast und ihren plötzlich auftauchenden spielsüchtigen Bruder. Hin und wieder kommt der schuldeneintreibende, hohl-parodierende Weinhändler und schließlich ein früheres Liebchen des Direktors, das jetzt ein Kind von ihm und Unterhaltsforderungen an ihn hat. Aus Gründen, die dem Zuschauer verborgen bleiben, liebt die Frau ihn immer noch – ihre „schöne Aussicht“ ist eine ähnlich treffliche Illusion wie das gesamte Hotel. Diese zerbricht jedoch abrupt, als sie sich mittels falscher Beschuldigungen dem Komplott der Hotelbewohner ausgesetzt sieht.

Bestnote für die Spielstätte

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Bestnote als Spielstätte: Palais im Großen Garten. Foto: W. Schenk

Wie gesagt: Die Bestnote für diese Inszenierung bekommt die Spielstätte selbst. Das Palais als Aufbewahrungsort gestrandeter Unsympathen darf so wunderbar vor sich hinbröckeln wie es die teils rätselhafte fotogene Schönheit des Morbiden erlaubt, und wird vom  Sänger Gilbert Handler jazzig-rauchig zum Klingen gebracht. Während draußen die Welt am Rad dreht – Weltwirtschaftskrise und Weltkrieg nahen – und Horváth es blitzen und donnern lässt, versinkt das Innnere in gruseliger Stagnation.

Kellner Max beschreibt es so: „Wir haben nur wenige weiße Tischtücher, aber die sind beschmutzt. Man könnte auch Betttücher nehmen, aber die sind zerfetzt.“ Und noch ein Zitat, welches mittlerweile schon ein paar Mal kopiert worden ist, letztens von Musiker Jan Delay für einen Song. Die herrschsüchtige Ada Freifrau von Stetten erklärt: „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“ Antje Trautmann spielt diese widersprüchliche Frau, die ihre innerliche Zerrissenheit mit großspurigem Auftreten zu übertünchen versucht, mit ganzer Hingabe und erinnert dabei etwas an die italienische Ausnahme-Aktrice Giulietta Masina. So viel des Lobes.

Zu viel? Eines nämlich droht das Stück mittendrin zu sprengen und bringt es fast zum Erliegen – die Szene, in der die Männer ihre Hosen herunter lassen müssen. Die Nacktheit wirkt aufgesetzt und zudem völlig überflüssig, zumal sich in dieser Szenerie weder Schauspieler noch Publikum wohlzufühlen scheinen. Vermutlich hätte es gereicht, sich von Ada-Antje-Giulietta ein paar Hemdknöpfe wolllüstig-lasziv öffnen zu lassen.

>> Nächste Aufführungen: am 10., 12., 15., 16. und 17. September, jeweils 20 Uhr, am 18. September um 18 Uhr.

 

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