Damals war’s: Gute Mieter, böse Nachbarn

„Ruhe, verdammt noch mal!“ Dem königlich-sächsischen Friedensrichter für den 15. Dresdner Polizeibezirk Pieschen / Trachenberge, Obersekretär a.D. Julius Leuner, platzte der Kragen. Mehrmals schlug er mit seinem Holzhammer auf das Pult im Saal des Pieschener Rathauses. Nach einem Hilferuf des Polizeichefs dieses 15. Bezirkes, Inspektor Wittig, war er herbeigeeilt, um einen eskalierten Streit unter den Mietern der Bürgerstraße 15 zu schlichten. Der Lokalrichter Richard Vogel hatte sich für „nicht zuständig“ erklärt und so musste sich Julius Leuner aus seiner Amtsstube im Amtsgericht in der Hospitalstraße 7 in diese Dresdner Vorstadt bequemen.

Dem Ärger endlich Luft verschaffen

Es ging um schmuddelige Beleidigungen zwischen Vorder- und Hinterhaus, um herumtobende Kinder, um Suffköppe, Ehestreit und schamlose Bettgeräusche. Zunächst gab der Friedensrichter der ehrwürdigen Frau des Fabrikanten Julius Schaal, wohnhaft im Parterre im Vorderhaus, das Wort. Diese bezichtigte die Musiker-Witwe Wohlfahrt aus dem Hinterhaus unzüchtiger Feiern mit alkoholischen und unzüchtigen Exzessen. Kreischend fuhr besagte Witwe der Schaal ins Wort. „Das nehmen Sie sofort zurück, Sie vertrocknete Miesmuschel. Zu mir kommen nur herausragende Künstler, Freunde meines dahingeschiedenen Mannes. Und wir alkoholisieren uns nicht, sondern frönen dem Gesang und der deutschen Musik.“

Das Rathaus Pieschen nach einem Stich von Ebel. Quelle: Archiv

Dann bezichtigte die Kutschersfrau Hofmann aus dem 2. Stock des Hinterhauses die Witwe Louise Förster aus dem Vorderhaus der unerlaubten Zuhälterei und der Förderung der Prostitution, indem sie ein Zimmer stundenweise an unverheiratete Paare vermiete. Was die da treiben würden, könne man sich doch denken. „Pfui Deiwel“ erscholl es aus verschiedenen Kehlen. Die Witwe Förster raste wütend auf die Hofmann zu und konnte gerade noch von einem Gendarmen davon abgehalten werden, ihr das Gesicht zu malträtieren.

Waschtag für besonders dreckige Wäsche

Vollends außer Kontrolle geriet die Friedensverhandlung, als sich Werkfahrer Böhme darüber beschwerte, dass die drei Bengels des Eisengießers Richter, eine Etage über ihm, mehrmals täglich lärmend durchs Haus rannten und seine Ermahnungen mit frechen Sprüchen beantworteten. Zudem sei deren Vater oft besoffen und prügele dann seine Frau. Als der alleinstehende junge Arbeiter Richard Schmidt aus dem Hinterhaus den Mund aufmachen wollte, fuhr im die Witwe Heller aus dem Vorderhaus über den Mund. Er solle mal schön den Mund halten bei seinem unsittlichen und krankhaften Umgang. Sie registriere nämlich sehr genau, dass er des Öfteren Besuch von verschiedenen älteren Herren bekäme. Und die kämen wohl nicht zum gemeinsamen Bibellesen.

Der Allgemeine Mitbewohnerverein hatte ein eigenes Mitteilungsblatt. Quelle: Archiv

Hätte Friedensrichter Leuner nicht energisch und unüberhörbar den richterlichen Hammer sprechen lassen, wären es mit den gegenseitigen Beschuldigungen und Beleidigungen noch Stunden weitergegangen. Er hatte genug gehört und sehnte sich nach einem edlen Glas Wein in seinem Gasthaus. Und so kam er endlich zu seinem Friedensspruch.

Der Friedensspruch

Zunächst mahnte er alle zur Mäßigung. Dann ließ er drohend seinen rechten Zeigefinger kreisen. Sollte es zu keinem Frieden im Hause kommen, müsse der Eigentümer, der ehrenwerte Zigarettenfabrikant Adolf Schaal, in Aktion treten und einigen Unbelehrbaren kündigen. Was die unzüchtigen Anschuldigungen beträfe, so leite er diese an den Polizeiinspektor Wittig zur Untersuchung weiter.

„Und nun zum Wesentlichen“, fuhr er fort. „Es geht hier schließlich um ein einigermaßen friedliches Zusammenleben. Ohne das kommt man weder im Königreich noch im Haus und auch nicht in der Familie aus. Deshalb weise ich auf die ‚10 Gebote, um mit Hausbewohnern in Frieden zu leben‘ hin. Sie wurden schon vor fast 20 Jahren in den Mitteilungen des Allgemeinen Mietbewohnervereins Dresden in der Nr. 22 von 1892 veröffentlicht. Ich habe hier zwei Exemplare, die vom Eigentümer sofort im Flur des Vorder- und des Hinterhauses aufzuhängen sind.“

Damit sie alle gehört haben, las er sie laut und deutlich vor.

  1. Man sei stets nachgiebig und nachsichtig.
  2. Man begrüße sich stets freundlich und zuvorkommend, meide aber so viel als möglich den näheren Verkehr.
  3. Man lasse sich nie von den Dienstmädchen über die Verhältnisse der Mitbewohner etwas erzählen.
  4. Man halte nie dieselbe Waschfrau, Näherin, Flickerin usw.
  5. Man miete nie ein Mädchen, das schon bei einer Herrschaft im Hause gedient hat.
  6. Man borge sich nie etwas aus, müsste es aber geschehen, so gebe man das Geliehene so rasch wie möglich wieder zurück.
  7. Hat man auf der Treppe etwas verstreut oder ausgegossen, lasse man es sofort wegbringen.
  8. Man nehme stets Rücksicht auf die nebenan und in der höheren und unteren Etage Wohnenden und vermeide überflüssiges Lärmen.
  9. Hört man einen Wortwechsel oder andere Geräusche, so schließe man sofort die Fenster und entferne sich, um nichts davon zu verstehen.
  10. Man bilde sich nie ein, dass die eigenen Kinder artiger sind als die der Mitbewohner.

„Haltet euch daran, sonst landet ihr vor dem Amtsgericht. Und das wird teuer. Die Sitzung ist geschlossen.“

Unser Autor:
Der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb durchstöbert für seine Geschichten mit Vorliebe die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek.

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